Ein kleiner Wassertropfen


Um eine Landschaft zu beschreiben, bedarf es vieler Worte;
um einen Menschen zu beschreiben, bedarf es besonderer Worte;
um eine Liebe zu beschreiben, bedarf es vieler besonderer Worte.


Worte, luftdurchlässige Gebilde, wärmedurchhauchtes Filigrangewebe eines Baumes, in dessen Blattwerk die Sonne goldene Spitzen häkelt;

Worte, Brise auf dem Meer der Gefühle - Gemurmel eines Baches, Seifenblasen, schillernd; leidenschaftlicher Sturm, geboren in Tümpeln der Eifersucht, tosende Wogen auf Ozeanen gewalttätiger Ewigkeiten;

Worte - schreiende, lachende, weinende - zerbrechlich wie Blüten, am Wegesrand der Zweifel zertreten und emporgehoben - Verwundung, Vernichtung und Neubeginn; Hoffnung, Marter, Gleitflug eines Vogels vom Felsen der Tollkühnheit; Sturz ins Tal der Verlassenheit, der Angst und Tränen; Wolken aus Pappmaché, Tränenperlen: verlorene Liebe, verankert in Muscheln im Meer der Enttäuschungen; jauchzende Melodie aller Vögel der Erde, aller Sterne des Alls: Liebe! Zerbrechendes Glas im Herzen der Zweifel; Erneuerung, vollendeter Glanz, Zaumzeug der Begierde aus Träumen und Wünschen, aus Lachen und Weinen. Fliegende Worte, schwebende Gedanken über blühenden Wiesen, flatternd, wie zarte Falter; seidig geflüsterte Bänder, verflochten mit Himmel, Meeren, Erde - alles umschlingend.

Die Luft ist geschwängert von betäubender, schwirrender Geschäftigkeit. Baukräne quietschen mit klagender Eintönigkeit auf ihren Schienen hin und her, schwenken Eisenträger von beladenen Güterwaggons in die Baugrube, stoßen eilig, mit rostigem Aufschrei zurück ...
Lastautos kraulen breit, heulend und blind durch den fliegenden Bausand, stauben wütend und drohend unter einem Schaufelbagger, verletzen sich dumpf stöhnend an den weit auseinandergerissenen Zähnen, lassen sich ungeduldig jaulend füllen, kurbeln vorwärts - rückwärts, wenden, hüpfen wild durch eingefahrene Schlaglöcher, schnaubend Staubwolken wie ausschlagende, wütende Stiere auf die Straße ziehend.
Züge brausen vorbei; Schranken schließen und öffnen sich; Autos hupen nervös; vom Spielplatz schießen schreiende Kinder ihre Stimmen in die schwebenden, tanzenden Geräusche. Sie beugt sich in die Dunstglocke aus Staub und Lärm, sieht den Kindern eine Weile zu. Die Autoschlange vor der Schranke blendet ihr flirrendes Feuerwerk durch die Luft ...
Der flimmernde Lärm wird unerträglich.
Martina legt seine Briefe zurück auf den Schreibtisch, streicht mit dem Finger eine Schleife in die Staubschicht, wischt mit der Hand darüber ...
Diesmal geht sie nicht an die Tür, als es wieder klingelt. Sie steckt den Zeitungsausschnitt mit einer Heftzwecke wieder über dem Schreibtich an die Wand. Das sind die Kinder, sagt sie sich, die Kinder, die die Nachbarschaft terrorisieren, die nur albern in die Sprechanlagen kichern. Den ganzen Vormittag hatten sie in bunte Decken gehüllt "Pferd und Reiter" gespielt, rannten kreuz und quer durch die Sträucher, rempelten rücksichtslos Leute an. Das arme Pferd, mußte sie denken, das arme Pferd, wie sieht es nur, wie muß ihm der Rücken schmerzen! Und dann kam ein ellenlanges, dünnes Mädchen zum Vorschein, warf den kleinen dicken Jungen mit Schwung von sich, streckte sich in den Himmel, wuchs und wuchs, und sie empfand keine Sympathie mehr für das "arme Pferd", bedauerte das dicke Kind auf dem Pflaster mit den aufgeschlagenen Armen.


Martina drückt ihre Stirn gegen die kalte Scheibe - das Leben ist - das Leben ist schön - Die Bäume fliegen in den Himmel, die Seen versinken in den Feldern, während ihre Augen die schönen Gedanken in alles hineingravieren - das Leben ist - das Leben ist schön, ja schön - das Leben ist ein Wassertropfen, ein Wassertropfen nur ...

Ein kleiner Wassertropfen

Dieser Regentropfen an der Scheibe, ist eine Perle - eine Träne, die aus einem Auge springt - Blut, aus einem verwundeten Herzen, Blut, aus einem glücklichen Herzen - Blütenstaub am Bein einer Biene, glühendes Goldklümpchen, zerrinnend im Tau des Vergessens.

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